The Coldest Case

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Foreign Policy
David Kushner
The Coldest Case
Grafiken von Jeffrey Smith
07. Juli 2016

Um den Heiligen Gral der Kernenergie ausfindig zu machen, hatte Eugene Mallove alles andere aufgegeben. Hat ihn dies sein Leben gekostet?


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An einem Abend im Mai, es war etwa 23 Uhr, fuhr Demetrese Granger auf ein weißes zweistöckiges Haus in Norwich im US-Bundesstaat Connecticut zu, auf dessen frisch gemähtem Rasen ein Schild mit der Aufschrift „Zu vermieten“ angebracht war. Das Handwerkerhaus war eines der letzten Häuser in der begrünten Straße, die immer mehr Einkaufszentren und Fastfood-Restaurants weichen musste.

Nur eine Stunde zuvor hatte Granger sich nach der Möglichkeit erkundigt, das Haus zu mieten. Sie hatte mit Joanne, der Frau des Hausbesitzers, telefoniert, die ihr mitteilte, dass ihr Mann noch dabei sei, das Haus zu reinigen. Schauen Sie doch einfach mal vorbei, hatte Joanne die potenzielle Mieterin ermuntert.

Als Granger an dem kühlen Abend in New England aus ihrem Wagen stieg, war die Einfahrt in ein sanftes Licht getaucht. Auf dem Boden fand sie, auf dem Rücken liegend, einen barfüßigen Mann mit einem buschigen schwarzen Bart. Er trug ein weißes T-Shirt und eine kakifarbene Hose. Er war blutüberströmt.

Granger rannte zurück zu ihrem Wagen und wählte den Notruf. „Er bewegt sich nicht“, erklärte sie dem Mitarbeiter der Zentrale. „Er sieht aus, als wäre er tot.“

Etwa zwei Meilen davon entfernt befand sich Detective James Curtis auf dem Parkplatz des Norwich Police Department und machte sich gerade auf den Heimweg, als ein Notruf den Mord in 119 Salem Turnpike vermeldete. Der ehemalige Beamte des New York Police Department war nicht sonderlich beunruhigt. „Es sah nicht danach aus, dass es sich um etwas Außergewöhnliches handeln würde“, sagt er. „So etwas kommt nun einmal vor.“

Es dauerte nicht lange, da hatte er drei Informationen über das Opfer in Erfahrung gebracht: Sein Name war Eugene Mallove, er war 56 Jahre alt, und er wohnte, obwohl er der Hausbesitzer war, fast drei Autostunden entfernt in Bow im Bundesstaat New Hampshire. Nach dem Zustand des Mannes zu urteilen – er wurde geschlagen, erstochen und hatte im Gesicht insgesamt 32 Schnittwunden – war sich Curtis fast sicher, dass es sich um einen personenbezogenen Mord handeln musste, was auch immer das Motiv dafür gewesen sein mag. „Sein Gesicht“, so erinnert sich Curtis, „sah aus, als wäre es durch einen verdammten Fleischwolf gedreht worden.“


Eugene Mallove


Das alles ereignete sich im Jahr 2004. In den darauffolgenden elf Jahren führte die Frage, wer Mallove getötet hat, Curtis auf eine Spur, die er so nicht erwartet hatte. Mallove, so fand der Detective heraus, war einer der weltweit entschiedensten Befürworter der Kalten Fusion. „Das ist eine Wissenschaft, die meinen Intellekt weit übersteigt“, räumt Curtis ein. Doch die Kalte Fusion ist nicht nur eine komplizierte Form der Kernenergie, sondern sie ist auch höchst umstritten. Verfechter sehen in ihr den Heiligen Gral der Energie, den Schlüssel zur Rettung der Erde vor der Umweltzerstörung. Kritiker behaupten, dass sie möglicherweise gar nicht realisierbar ist – und dass alle Behauptungen über bereits erfolgte Fortschritte völliger wissenschaftlicher Irrsinn sind. Um Mallove und die Bedeutung seines Todes zu verstehen, musste man in die Welt des Wissens und der Intrigen eintauchen, in welcher der Wissenschaftler einst gestritten und gewirkt hatte.

Im vergangenen November, an einem regnerischen, grauen Nachmittag, fährt Curtis, ein 48-Jähriger mit grauem Haar und strahlend blauen Augen, an den Ort in Norwich, an dem seine Untersuchung begonnen hatte. „Genau hier mussten wir anfangen“, erzählt er mir. „Die Einfahrt war der Ausgangspunkt.“


Mallove starb dort, wo er in seiner Jugend viele Nächte damit verbracht hatte, in den Sternenhimmel zu blicken. Als einziges Kind eines Klempners und einer Mathematiklehrerin wuchs er am Salem Turnpike auf, verschlang Science-Fiction-Romane von Arthur C. Clarke und ließ Estes-Raketen in den Himmel steigen. Die Erforschung des Weltraums war nicht einfach nur bloße Neugier, sondern das Instrument, mit dessen Hilfe Mallove seinen Platz im Universum erkannte.

Als es in den 1960er Jahren an der Zeit war, aufs College zu gehen, entschied sich Mallove für das Massachusetts Institute of Technology (MIT), das über das erste Raumfahrtprogramm der Nation verfügte. Diese akademische Umgebung war genau das Richtige für ihn. Er wurde Präsident des Raketenteams der Schule und führte im Keller des Technikgebäudes Versuche mit Hochleistungstreibstoffen durch. (Die ausströmenden Abgase haben dabei versehentlich die Azaleenpflanzen im Außenbereich abgetötet.) Je näher er der Wissenschaft kommen konnte, umso besser. Bei einem Ausflug mit Freunden nach Cape Canaveral überzeugte Mallove die Wachleute davon, dass er ein Freund des berühmten Raketenwissenschaftlers Wernher von Braun sei – dem Architekten der deutschen V2-Rakete und der amerikanischen Saturn V –, um Fotos im Inneren der Anlage machen zu können. „Gene war ein Träumer“, erinnert sich Dean Musgrave, ein Studienkollege und Freund.

Später hat sich Mallove noch gerne an die Zeit erinnert, als er ein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik absolvierte. „In unserer Klasse gab es keine zukünftigen Astronauten“, schrieb er in einem Aufsatz, der in einem Gedenkbuch zum 25-jährigen Klassentreffen wiederzufinden ist, „aber viele von uns arbeiteten am Boden, um unsere Expansion in den Weltraum zu unterstützen.“ Nachdem er in Harvard in Umwelt- und Gesundheitswissenschaften promoviert hatte, arbeitete Mallove in Unternehmen, die an alternativen Antriebsmethoden für Raumfahrzeuge forschten, um die Menschen zu den Sternen zu bringen. Doch das Laborleben erwies sich für ihn als zu einschränkend. Mallove erkannte, dass seine Berufung nicht darin bestand, Wissenschaft zu betreiben, sondern darin, die neuesten Trends, Technologien und Entdeckungen einem breiten Publikum verständlich zu machen.

Nachdem er für Publikationen wie die Washington Post und die MIT Technology Review gearbeitet hatte, fand Mallove seinen ersten Vollzeitjob als Journalist bei Voice of America. „Ich entschied mich für eine Karriere als Wissenschaftsjournalist, nicht ohne Abstriche bei der Entlohnung, einfach weil mir das Schreiben mehr Spaß gemacht hat“, erinnerte er sich später, „und ich glaubte, dass ich damit eine größere Reichweite erzielen würde.“ Im Jahr 1987 schloss sich für ihn der Kreis, als er als leitender Wissenschaftsjournalist für das MIT News Office anheuerte, das nur 70 Meilen von seinem Haus in New Hampshire entfernt war.

Mallove „hat an die Technologie geglaubt, die auf uns zukam“, erinnert sich Musgrave. „Wir haben nicht begriffen, dass die Welt ein chaotischer Ort ist, bis er sich auf die Kalte Fusion eingelassen hat.“

Wenn es einen Tag gab, der Malloves Leben nachhaltig veränderte, dann war es wahrscheinlich der 23. März 1989, als die Elektrochemiker Martin Fleischmann und B. Stanley Pons an der Universität von Utah in einem Raum mit zahlreichen Reportern zusammenkamen. Die bebrillten Wissenschaftler in dunklen Anzügen beschrieben, wie es ihnen gelungen war, mit Hilfe einer Autobatterie in einem Glas mit Schwerem Wasser einen elektrischen Strom durch eine Kathode aus Palladium, einem seltenen Metall, zu leiten. Die Wassertemperatur stieg dabei von 30 auf 50 Grad Celsius an und verharrte dort für fast vier Tage.

Dass die Elektrochemiker Wärme freigesetzt hatten, indem sie Atome zusammengepresst haben, stellte dabei kein neues Konzept dar. Schon seit Jahrzehnten hatten sich Wissenschaftler in Laboratorien der Regierung und von Universitäten mit der Kernfusion beschäftigt – und dabei teure Geräte eingesetzt, um eine Temperatur von Millionen von Grad zu erzeugen, um den Prozess nachzubilden, der die Sonne und die Sterne antreibt. Fleischmann und Pons hatten jedoch eine Kernreaktion bei Raumtemperatur auf einem Labortisch erzielt.

Mallove war, wie andere Wissenschaftler und Forscher auf der ganzen Welt auch, verblüfft von dem, was er da erfuhr: Das Team hatte die Kalte Fusion entdeckt.

Das Potenzial dieses kostengünstigen „Sterns im Wasserglas“, wie es genannt wurde, war immens. Würde man diese unbegrenzte, kohlenstofffreie Energiequelle in kommerziellem Maßstab nachbauen, dann könnte sie den Planeten vom Joch der fossilen Brennstoffe befreien. (Ironischerweise liefen nur zwölf Stunden nach der Bekanntmachung durch Fleischmann und Pons Millionen Liter Öl vor der Küste Alaskas aus der Exxon Valdez aus.) Die New York Times nannte die Kalte Fusion „die größte Entdeckung seit dem Feuer“. Time und Newsweek bezeichneten die beiden Elektrochemiker als „das thermodynamische Duo“.

Während die Presse die Entdeckung verkündete, mahnten einige Wissenschaftler zur Vorsicht. „Stellen Sie sich vor, Sie entwerfen Düsenflugzeuge und hören plötzlich in den CBS-Nachrichten, dass jemand eine Antischwerkraftmaschine erfunden hat“, sagte Ian Hutchinson, ein Fusionsforscher am MIT, dem Philadelphia Inquirer kurz nach der Bekanntgabe. „So fühle ich mich … höchst skeptisch.“ Andere meinten, wenn Fleischmann und Pons wirklich erfolgreich gewesen wären, würden sie nicht mehr leben. Die Billionen von Reaktionen, die für eine Kalte Fusion erforderlich sind, so Robert McCrory, Physikprofessor an der Universität von Rochester, hätten die Elektrochemiker und jeden anderen im Raum mit tödlicher Strahlung überflutet.

Nichtsdestotrotz bemühten sich Nuklearwissenschaftler vom MIT und von Stanford bis hin zur ungarischen Kossuth-Lajos-Universität und dem englischen Rutherford Appleton Laboratory, das Experiment zu wiederholen. Malloves Aufgabe bestand darin, über diese hektischen Aktivitäten zu berichten. „Jeder, der sich mit Heißer Fusion beschäftigte, hatte im Keller ein kleines Experiment am Laufen … um zu sehen, ob da etwas ist“, sagt Ron Parker, der von 1988 bis 1993 das Plasma Fusion Center des MIT leitete. (Heute ist es als Plasma Science and Fusion Center bekannt.)

An der Texas A&M und am Brookhaven National Laboratory bestätigten die Forscher die Beobachtungen aus Utah, konnten aber keine Hinweise auf Strahlung finden. Ohne diese waren sie sich nicht sicher, was genau die überschüssige Wärme verursachte. Dies stellte die Behauptung von Fleischmann und Pons in Frage, ihr Experiment könne „nur auf einen nuklearen Prozess zurückgeführt werden“. Die Kritik der Laboratorien schien jedoch keinen Einfluss auf die Finanzierungsmöglichkeiten zu haben, die bereits im Gange waren. Die Legislative von Utah richtete einen Beratungsausschuss für Fusionsenergie ein und stellte fünf Millionen Dollar für die Forschung zur Kalten Fusion an der Universität von Utah bereit. Die Universität wandte sich an den Kongress, um weitere 25 Millionen Dollar zu erhalten.

Eine Gruppe von Wissenschaftlern am MIT war, was die Zukunft der Kalten Fusion anging, nicht gerade optimistisch. Sie waren sich sogar noch nicht einmal sicher, ob diese überhaupt existierte. In den zwei Monaten, nachdem Utah seine Behauptungen aufgestellt hatte, ging das MIT dem Experiment von Fleischmann und Pons nach und versuchte vergeblich, es zu reproduzieren. Beunruhigt bot das MIT dem Boston Herald ein Exklusivinterview an. Die Schlagzeile lautete dann auch: „Der Paukenschlag am MIT erwischt den Durchbruch in der Kernfusion eiskalt“. In dem Artikel wurde Parker zitiert, der die Arbeit als „wissenschaftlichen Schwachsinn“ abtat und erklärte, dass Fleischmann und Pons die Ergebnisse falsch wiedergegeben hätten. „Alles, was ich ausfindig machen konnte, war Schwindel“, sagte Parker der Zeitung, „und ich denke, wir sind es der Gemeinde der Wissenschaftler schuldig, diese Typen zu entlarven“. Zwei Monate später wurden die Grundlagen ihrer Erkenntnisse in einem 67-seitigen Bericht des Fusionszentrums des MIT veröffentlicht.

Daraufhin schlossen sich die Institutionen der US-Regierung der Meinung der Universität an. Im November desselben Jahres verkündete das Energieministerium, dass es keine Beweise dafür gefunden habe, dass die Kalte Fusion zu nutzbaren Energiequellen führen werde, wenngleich es auch einräumte, dass „es noch ungelöste Fragestellungen gebe, die möglicherweise über interessante Implikationen verfügen“. Das Ministerium erklärte, es werde keine Programme oder Forschungszentren zu diesem Thema einrichten. „Sie ist tot,“ vermeldete der Redakteur der Nature John Maddox, „und sie wird auch für eine lange, lange Zeit tot bleiben.“

Indes war Mallove nicht gewillt, das Thema zu begraben.


Zuversichtlich, dass die Heiße Fusion eines Tages Antriebssysteme für begrenzte Reisen in den Weltraum ermöglichen würde, konnte Mallove das Energiepotenzial der Kalten Fusion für den Einsatz hier auf der Erde nicht ausschließen. Nachdem das Plasma Fusion Center seinen ablehnenden Bericht veröffentlicht hatte, besorgte er sich einige der Labornotizen, die dessen Forschung zugrunde lagen. Vor allem zwei Untersuchungen erregten seine Aufmerksamkeit. Soweit ihm bekannt war, hatten die Forscher des MIT am 10. Juli 1989 einen Wärmeüberschuss festgestellt und damit wichtige Elemente des Utah-Experiments erfolgreich repliziert. Nur drei Tage später waren diese Daten seiner Meinung nach verändert worden. Im Abschlussbericht des Institutes, das zufälligerweise durch das Energieministerium finanziert worden war, hatte das Plasma Fusion Center, „soweit ich das beurteilen kann, wissenschaftlichen Betrug begangen“, sagte Mallove später. Seinen Kollegen gegenüber äußerte Mallove die Vermutung, dass das Labor seine Ergebnisse vorsätzlich falsch berichtet habe, um seine Finanzierung sicherzustellen, indem es den Eindruck erweckte, dass die Forschung im Bereich der Kalten Fusion Gelder umleiten würde, die eigentlich für die Heiße Fusion vorgesehen waren.

Parker dazu: „Er war mehr und mehr davon überzeugt, dass die sogenannte Kalte Fusion nicht nur funktioniert, sondern dass ich und meine Kollegen die Daten gefälscht haben, um zu zeigen, dass sie nicht funktioniert.“ Im Jahr 1991 reichte Mallove beim Präsidenten des MIT, Charles Vest, eine formelle Beschwerde ein und bat um eine Untersuchung. In der Überzeugung, dass die Kalte Fusion nicht so schnell abgeschrieben werden sollte, und schon gar nicht zum persönlichen Vorteil der Wissenschaftler, begann Mallove, die Auseinandersetzung um das Thema genau zu dokumentieren. Dieses Material diente als Grundlage für sein Buch Fire from Ice: Searching for the Truth Behind the Cold Fusion Furor (Feuer aus Eis: Auf der Suche nach der Wahrheit hinter dem Aufruhr um die Kalte Fusion).

Letztendlich hat Vest die Ergebnisse von Parkers Team gestützt und es abgelehnt, die Behauptungen von Mallove zu untersuchen. Einigen Leuten außerhalb des MIT erschienen Malloves Bedenken jedoch gar nicht so abwegig. Als sein Buch im Jahr 1991 veröffentlicht wurde, fanden sich unter den ersten Lesern namhafte Verbündete, darunter der Nobelpreisträger Julian Schwinger, der MacArthur-Stipendiat Frank Sulloway und der Physiker Henry Kolm, Mitbegründer des Francis Bitter National Magnet Laboratory des MIT, der das Werk als „ein Meisterwerk der wissenschaftlichen Dokumentation“ bezeichnete.

Malloves Arbeitgeber hat dazu keine offizielle Stellungnahme abgegeben. Aber der Schaden war angerichtet. Am 7. Juni 1991 richtete Mallove ein Rücktrittsschreiben an die Leiter der Nachrichtenredaktion, in dem er die Einrichtung kritisierte. „Ich bin stolz, ein Ehemaliger des MIT zu sein, aber ich bin empört, beschämt und erstaunt über das, was hier geschehen ist“, schrieb er. "Die bisher sichtbarste Reaktion des MIT auf die Kalte Fusion … war eine entsetzliche Arroganz und Intoleranz, verbunden mit Maßnahmen, die das Verständnis des Phänomens hier und anderswo erheblich behindert haben.“ Die Skeptiker würden letztendlich unterliegen, betonte er. „Es ist nur eine Frage der Zeit … und es könnte früher sein, als viele glauben.“

Mit diesen Worten packte Mallove seine Sachen zusammen und verließ den Campus für immer.


Detective Curtis fand heraus, dass sich Mallove emotional nie wirklich von seiner Alma Mater gelöst hatte. Nach seiner Ermordung war sich Malloves Frau sogar sicher, dass ihm an jenem grausigen Maiabend sein dicker goldener MIT-Jahrgangsring vom Finger gerissen worden war. Auch sein 1993er Dodge Minivan war verschwunden. Doch so schnell, wie diese Gegenstände als gestohlen gemeldet wurden, waren sie auch wieder aufgetaucht. Innerhalb von 24 Stunden nach dem Mord entdeckte einer von Curtis' Kollegen Malloves Van, abgestellt vor dem Foxwoods Resort Casino, etwa 15 Meilen entfernt von dem Mietobjekt in Norwich. Den Ring entdeckte die Familie von Mallove in ihrem Haus in New Hampshire.

Auf der Suche nach weiteren Anhaltspunkten wandte sich die Polizei an die Öffentlichkeit, um nähere Einzelheiten zu ermitteln. Zwei Tage nach dem Mord meldete sich ein Augenzeuge, der behauptete, einen weißen Mann mit einem Kopftuch gesehen zu haben, der Malloves Fahrzeug vor dem Mohegan Sun, einem anderen Kasino in der Nähe von Foxwoods, gefahren haben soll. Später identifizierte der Zeuge im Rahmen einer polizeilichen Gegenüberstellung den 39-jährigen Joseph Reilly.

Dieser Reilly und sein Freund Gary McAvoy wurden zwei Tage nach dem Mord an Mallove festgenommen, weil sie in der Nähe von Groton im US-Bundesstaat Connecticut ein Fahrzeug gestohlen hatten. Als die Polizei die Männer aufgriff, hatte Reilly an seinen Händen Kratzer und auf seinem Hemd befand sich anscheinend Blut. Als eine Haarprobe aus dem Wagen von Mallove die Ermittler auf den 42-jährigen McAvoy verwies, erregten diese Details den Verdacht der Ermittler. Das war alles, was die Ermittler benötigten: McAvoy und Reilly wurden im Juni bzw. im Juli 2005 wegen Mordes angeklagt.

Als sich der Fall dann vor Gericht hinzog, wurde Curtis den Verdacht nicht los, dass „da irgendetwas nicht stimmte“, erinnert er sich. Es gab nicht genügend konkrete Beweise, die Reilly oder McAvoy mit Mallove in Verbindung brachten. Im November 2008 erwies sich seine Vermutung als richtig, als die Anwälte der Verteidigung entdeckten, dass dem staatlichen forensischen Labor ein Fehler unterlaufen war. Zwar gehörte die Haarprobe zu McAvoy, aber sie hatte sich nie in Malloves Wagen befunden. Sie wurde stattdessen in dem Auto sichergestellt, in dem McAvoy saß, als er verhaftet wurde. Die Anklagen gegen McAvoy und Reilly wurden fallen gelassen. Gegenüber einer lokalen Zeitung erklärte Malloves Witwe Joanne, dass die Familie von dieser Nachricht „zutiefst erschüttert“ gewesen sei. (Aus gesundheitlichen Gründen war Joanne leider nicht in der Lage, diesen Artikel zu kommentieren.)

Fast fünf Jahre nach dem grausamen Mord an Mallove stand Curtis wieder am Anfang.


Nachdem Mallove das MIT im Juni 1991 verlassen hatte, machte er sich sogleich daran, einen Plan für seine berufliche Zukunft zu entwickeln. Er beschloss, eine Zeitschrift zu gründen, die über die Kalte Fusion und andere Entwicklungen auf dem Gebiet der Energie berichtet. Diese Idee machte es erforderlich, sich um finanzielle Unterstützung zu kümmern. Um in der Zwischenzeit über die Runden zu kommen, beriet Mallove private Forschungsunternehmen in den Vereinigten Staaten zum Thema Kalte Fusion und verdingte sich als Lehrer für Naturwissenschaften an der High School in Bow, einer Stadt mit 7500 Einwohnern an einem See, in der er zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Kindern Ethan und Kimberlyn (damals 12 bzw. 16 Jahre alt) lebte.

In Anlehnung an seine Studienzeit am MIT baute Mallove den Keller seiner Familie zu einem behelfsmäßigen Labor um und stellte diesen auch seinen Freunden und Kollegen zur Verfügung, die an verschiedenen Experimenten zur Kalten Fusion sowie zu Niederenergie arbeiteten. Kimberlyn konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie die Treppe herunterkam und ihren Vater dort mit brummenden Motoren vorfand, der gerade Wassertanks für die Versuche zur Kalten Fusion aufstellte. Irgendwelche Amateurwissenschaftler kamen und gingen, wie sie wollten. „Er war der festen Überzeugung, dass die Menschen offen sein sollten für die möglichen Energien der Zukunft“, sagt sie. Da war zum Beispiel dieser „schmuddelige Typ“, der behauptete, er könne Energie aus dem „Äther“ auffangen, und ein anderer „Typ“, der manchmal mit einer Art „Peilsender“ im Keller schlief, sagt Kimberlyn, die auch heute noch verwundert ist, was es mit diesen Experimenten auf sich hatte.

Die Monate vergingen, ohne dass Mallove mit seiner Zeitschrift vorankam. Möglicherweise aus lauter Verzweiflung schrieb er in der Silvesternacht einen Brief an seinen Kindheitshelden Arthur C. Clarke. „Als aufgeschlossener Wissenschaftler, der Sie sind, ist es vielleicht noch nicht zu spät, Sie von Ihren Zweifeln an der Kalten Fusion zu befreien, welche Sie vielleicht aus den Medien erworben haben“, schrieb er. „Wenn es die Kalte Fusion wirklich gibt, wovon ich fest überzeugt bin, könnte dieses Phänomen einen dramatischen Einfluss auf die Raumfahrt haben.“

Ohne dass Mallove davon Kenntnis hatte, war Clarke an der Kalten Fusion nicht nur interessiert, sondern war auch empört über den „Skandal um die Kalte Fusion“, wie er in Science schrieb, und bezeichnete ihn als „vielleicht einen der größten Skandale in der Geschichte der Wissenschaft“. Im Januar 1992 schrieb Clarke zurück und brachte seine Unterstützung für Mallove zum Ausdruck. Drei Jahre später, im März 1995, als die Infinite Energy endlich erschienen ist, verfasst Clarke den Leitartikel mit dem Titel „Welcome“. „Obwohl dieser Titel aus rein logischen Gründen kritisiert werden könnte“, schrieb Clarke, „kann ich mir wirklich keinen besseren vorstellen.“ Clarke finanzierte die Zeitschrift bis zu seinem Tod im Jahr 2008 weiter.

Zu seiner Unterstützung in der Redaktion der zweimonatlich erscheinenden Zeitschrift stellte Mallove Christy Frazier ein. Die Artikel der Infinite Energy, so Frazier, sollten alles umfassen, von technischen Artikeln und Patenten bis hin zu Nachrichten und Ereignissen in der Energiewirtschaft. „Ich war fasziniert davon, wie Gene eine wichtige Position aufgeben und sich dieser Aufgabe widmen konnte“, sagt sie. Mallove glaubte an die Macht des geschriebenen Wortes und daran, dass es dazu beitragen könnte, das Interesse der US-Regierung und der Industrie an der Finanzierung dieser Wissenschaft neu zu wecken.

Andere Länder zeigten sich da der potenziellen Energiequelle gegenüber aufgeschlossener. In Japan stellte das Ministerium für internationalen Handel und Industrie im Jahr 1992 25 Millionen Dollar für die Forschung zur Kalten Fusion zur Verfügung. In Frankreich fanden Pons und Fleischmann am Institute of Minoru Research Advancement, das sich im Besitz der Aisin Seiki Co. befindet, einem Entwickler von Automobilkomponenten, für ihre Arbeit ein neues Zuhause. In den Vereinigten Staaten hingegen lag die Forschung in den Händen von etwa einem Dutzend privater Labors und Heimwerkereinrichtungen, so wie beispielsweise Malloves improvisierte Kellerwerkstatt.

In der Infinite Energy berichtete Mallove über diese noch junge Industrie. Da es kaum vergleichbare Publikationen gab, wurde seine Zeitschrift für die Anhänger der Kalten Fusion zur maßgeblichen Quelle. In den späten 1990er Jahren tauchten einige zahlungskräftige Investoren auf, die sich nach potenziellen Geschäftsmöglichkeiten umsahen. Sollte sich die Kalte Fusion als real existierend erweisen, wollten sie sich diese Gewinne nicht entgehen lassen. Wenn sich solche Investoren auf vielversprechende Ideen stürzten, taten sie dies oft anonym, um so eine Schädigung ihrer Reputation zu vermeiden, da sie ja in eine Randwissenschaft zu investieren gedachten.

1998 landete eine Ausgabe der Infinite Energy in den Händen eines anonymen Geldgebers, der beschloss, die Zeitschrift von Mallove zu finanzieren. Und nicht nur das, der pensionierte Softwareingenieur spendete dem Herausgeber zusätzliche 50 000 Dollar, um eine Dokumentation über die Kalte Fusion zu erstellen. Er „schien wirklich über einen ausgeprägten wissenschaftlichen Verstand zu verfügen“, erinnert sich Frazier.

Ausgestattet mit diesen neuen Mitteln, zog Mallove mit seinem gesamten Team in ein Lagerhaus, wo er die Infinite Energy gründete und darüber hinaus ein Labor mit drei Vollzeittechnikern einrichtete. Lange Klapptische mit Computern, Aquarien, Eimern, Schläuchen und anderen Geräten füllten das ansonsten kahle Betonbüro. „Es sah aus wie in einem naturwissenschaftlichen Labor an der High School“, erinnert sich Jed Rothwell, ein Softwareingenieur, der das Labor häufig besuchte.

Wissenschaftler und Forscher strömten hier nun rund um die Uhr hinein und hinaus, so Frazier. Wie bei Mallove üblich, war jeder von ihnen dazu eingeladen, den Raum kostenlos zu nutzen, ungeachtet seiner Erfahrungen und seines Bildungsgrades. Ken Rauen, ein Chemieingenieur, der das Labor leitete, erinnert sich an „viele Verrücktheiten“, aber auch an einige Erfolge. So experimentierte Les Case, ein ausgebildeter Chemieingenieur, mit einem Verfahren, das er katalytische Fusion nannte. Er füllte einen Stahlbehälter, den er als „den Fußball“ bezeichnete, mit Kohlenstoff, Palladium und unter Druck stehendem Deuterium. Bei richtiger Erhitzung, so seine Theorie, sollte es zu einem Effekt kommen, der dem von Pons und Fleischmann gleicht.

Dieses Experiment von Case erregte die Aufmerksamkeit von Wired. Der Autor Charles Platt rezensierte die Infinite Energy in einer Mischung aus Ehrfurcht und Skepsis. „Neben weit hergeholten Behauptungen fanden sich auch fundierte Berichte von anerkannten Wissenschaftlern“, schrieb er 1998. „Das Ergebnis wirkte schizophren, wie eine Kreuzung des American Journal of Physics mit den Weekly World News.“ Mallove nahm solche Vergleiche mit Humor. „Manche mögen in mir die Figur des Roy Neary (gespielt von Richard Dreyfuss) in dem Film ‚Unheimliche Begegnung der dritten Art‘ sehen (mit dem mich vielleicht eine gewisse oberflächliche physische Ähnlichkeit verbindet), der in seinem Wohnzimmer fieberhaft den Devils Tower in Wyoming aus Hunderten von Pfund Kartoffelpüree geformt hat, während er darum kämpfte, das Gesehene zu verarbeiten“, schrieb er in der Infinite Energy. „Der Himmel möge uns beistehen!“

Eine wachsende Zahl von Malloves Kollegen konnten darüber jedoch nicht lachen. Sie waren der Meinung, dass seine Glaubwürdigkeit unter seinen Leidenschaften zu leiden hätte. Zu denen, die versuchten, Mallove zur Vernunft zu bringen und ihn aufforderten, sich von bestimmten Verfechtern der Kalten Fusion zu distanzieren, gehörte Edmund Storms, damals Nuklearchemiker am Los Alamos National Laboratory. „Ich erklärte ihm, dass diese Leute keine Ahnung haben, wovon sie da reden“, erinnert sich Storms, „und offensichtlich nicht besonders rational denken.“


Aber nicht nur Malloves langjährige Freunde verloren allmählich die Geduld mit dem Herausgeber. Auch seine Unternehmensengel waren unruhig geworden. Im Jahr 2002, nach nur vier Jahren der Unterstützung, zog Malloves größter anonymer Geldgeber seine Finanzierung aus der Infinite Energy wieder zurück. Mallove behielt die Redaktion bei, schloss aber das Labor und entließ seine Mitarbeiter. Neue Einnahmequellen zu finden, wurde zur Herausforderung. Da die Kalte Fusion noch immer nicht verwirklicht war, verloren die Menschen die Hoffnung, dass diese tatsächlich zu realisieren sein würde. „Für Gene war es ziemlich hart“, erinnert sich Rauen. „Wir arbeiteten so hart daran, die Welt davon zu überzeugen, dass die Kalte Fusion funktionieren würde, doch die Skeptiker meinten immer nur: ‚Ich glaube es erst, wenn ihr es schafft, mir meine Tasse Kaffee aufzuwärmen‘.“

Aus Sorge um seine Zukunftsaussichten sprach Mallove mit seinem Sohn Ethan darüber, dass er einen „Ersatzplan“ brauche. Malloves Elternhaus in Norwich stand leer, und seine Familie drängte ihn, es zur Erzielung von Einnahmen auf dem Markt anzubieten. Er weigerte sich und sagte, er wolle es vermieten, bis er einen Verkaufspreis erzielen könne, den er für angemessen hielt. „Er war dort aufgewachsen und dachte an die Zukunft“, sagt Ethan. „Er hatte eine sentimentale Bindung an das Haus.“

Im Mai 2003 vermietete Mallove das Haus für 1000 Dollar im Monat an Patricia und Roy Anderson und ihren Sohn Chad Schaffer. Diese Einkünfte halfen zwar beim Bestreiten der persönlichen Ausgaben, doch für die Zeitschrift, die Mallove zu retten versuchte, reichte das nicht aus. Nachdem er seine Kollegen mit Bitten um Finanzierung bedrängt hatte, meldete sich ein neuer Wohltäter – ein wohlhabender Rentner, dessen Schwiegersohn sich für die Kalte Fusion interessierte – und spendete rund 100 000 Dollar pro Jahr, um die Zeitschrift über Wasser zu halten. Der Spender, der ebenfalls anonym bleiben wollte, bestand darauf, dass Mallove ein gemeinnütziges Unternehmen, die New Energy Foundation, gründet, um Zuschüsse an Forscher vergeben zu können.

Mallove war der Meinung, dass er umso eher mit anderen Geldgebern in Kontakt kommen könne, je präsenter er in der Öffentlichkeit steht. So begann er damit, in „Coast to Coast“, einer UKW-Radiosendung, die sich mit dem Paranormalen befasst, für das zu werben, was er als eine „wirklich bemerkenswerte unendliche Energiequelle“ bezeichnete.

Doch die erhofften zusätzlichen Gelder blieben aus, und Anfang 2004 begann Mallove auch noch, Probleme mit seinen Mietern in Norwich zu bekommen. Die Andersons waren im Januar und Februar mit der Miete im Rückstand. Zu dieser Zeit veröffentlichte er auf der Website von Infinite Energy einen offenen Brief mit der Bitte um finanzielle Unterstützung. „Wenn Sie zufällig zu denjenigen gehören, die glauben, dass im Haus der Wissenschaft alles in Ordnung ist und dass man sich darauf verlassen kann, dass die ‚offizielle Wissenschaft‘ sich benimmt und immer nach der Wahrheit strebt – selbst in Angelegenheiten von zentraler, allumfassender Bedeutung für das Wohlergehen der Menschheit –, dann irren Sie sich gewaltig“, schrieb er, „und ich könnte Ihnen das anhand einer umfangreichen Dokumentation beweisen.“ Und weiter führte er aus: „Aber in einem ersten Schritt sollten Sie sich mit der gesamten Geschichte der Wissenschaft befassen, die so voll ist von revolutionären Sprüngen und Paradigmenwechseln.“

Im März 2004 blieben die Andersons erneut ihre Miete schuldig. Außerdem hatten sie begonnen, ihre Autos auf dem Rasen zu parken. Mallove befürchtete, dass das Haus baufällig werden könnte, was seine Geldsorgen nicht gerade lindern würde. In Zusammenarbeit mit einem Anwalt beantragte er die Zwangsräumung der Familie. (Der Anwalt hat auf mehrere Interviewanfragen leider nicht reagiert.)

Just in diesem Monat erreichte Mallove dann eine Nachricht, auf die er in all den Jahren der beruflichen Aufopferung gewartet hatte. Das Energieministerium kündigte an, dass es die neuesten Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Kalten Fusion überprüfen werde. „Diesen Krieg gegen die Kalte Fusion hätte es nie geben dürfen, und dennoch hat es ihn gegeben“, sagte Mallove den Deseret News. „Und nun kommt er zu einem Ende, in einem kreischenden Halt. … Wir haben es hier mit einem Durchbruch zu tun.“

Nach allem, was Curtis berichtet, schien Mallove im Frühjahr 2004 guter Dinge zu sein. Am 14. Mai stieg der Herausgeber in seinen grünen Minivan, auf dessen Kennzeichen „INFNRG“ prangte und dessen Stoßstange mit Infinite Energy-Aufklebern beklebt war, und fuhr von Bow nach Norwich. „Er ist dorthin gefahren“, sagt Frazier, „um das Chaos zu beseitigen“.


Nachdem McAvoy und Reilly 2008 von der Bildfläche verschwunden waren, hat sich Curtis wieder in den Fall vertieft. Er fuhr von Massachusetts nach Pennsylvania und hielt unterwegs an, um Menschen zu befragen, mit denen Mallove im Laufe der Jahre in Kontakt gekommen war: ehemalige Mitarbeiter der Zeitschrift, Nuklearwissenschaftler, intellektuelle Feinde. Aber bei der Suche nach Hinweisen hatte der Detective nicht viel Glück.

Im Mai 2009, Curtis arbeitete gerade in der Abendschicht, kam Jill Sebastian, eine junge Mutter von drei Kindern aus Norwich, auf die Polizeiwache. Sie wollte etwas über den Freund ihres Partners, Chad Schaffer, mitteilen, der einer von Malloves Mietern gewesen war. Schaffer hatte vor kurzem mit seiner Freundin Candace Foster ihr Haus besucht. Im Gespräch mit dem Paar hatte Sebastian eine Anschlagtafel erwähnt, auf der unter anderem eine Belohnung von 50 000 Dollar für Informationen über den in der Nähe ermordeten Wissenschaftler ausgesetzt war. Schaffer war sichtlich verärgert und verließ mit Foster den Raum. „Sie wissen nichts“, hatte Sebastian Foster sagen hören. „Es gibt nichts, worüber wir uns Sorgen machen müssten.“ Doch das war noch nicht alles. Sebastian erzählte Curtis, dass sie sich daran erinnere, im Mai 2004 blutige Kleidung in Schaffers Haus gesehen zu haben, ungefähr zu der Zeit, als Mallove getötet wurde.

Fünf Jahre zuvor, als die Ermittlungen ihren Höhepunkt erreicht hatten, hatte Curtis Schaffer befragt. Dieser sagte, er sei in der Mordnacht nicht in Norwich gewesen. Er war in Mystic im Bundesstaat Connecticut, einem malerischen Küstenort, gewesen und hatte Curtis eine Quittung von seiner Reise gezeigt, um seinen dortigen Aufenthalt zu beweisen. Nichts von all dem, was Curtis erfuhr, deutete darauf hin, dass der frühere Mieter in den Mord verwickelt war, und so stellte er keine weiteren Nachforschungen über ihn an. „Jeden Tag werden Leute aus ihrer Wohnung zwangsgeräumt“, sagt Curtis, „und sie bringen ihren Vermieter deshalb nicht um.“

Nach Sebastians Vorsprache verbrachte Curtis zwei Monate damit, alle physischen Beweise zu untersuchen, die ihm vorlagen, und betrachtete stundenlang ein Tatortfoto nach dem anderen. Er suchte nach dem kleinsten Hinweis, den er und seine Kollegen übersehen haben könnten. Er kehrte zu einem Bild des Müllcontainers zurück, den Mallove benutzte, um das Haus von den Habseligkeiten der Andersons zu beräumen. Im Gras entdeckte Curtis einen Schlüsselanhänger in Form einer winzigen Sonne, auf der der Name „Brittany“ stand. Er war schon vor langer Zeit als Beweisstück abgelegt worden, doch die Ermittler konnten den Besitzer nie ermitteln.

Dann bemerkte Curtis etwas Seltsames: Grasreste bedeckten einen Fahrradreifen und Müll, alles auf dem Hof – mit Ausnahme der Schlüssel. „Diese Schlüssel sind erst dorthin gekommen, als das Gras schon gemäht war“, dachte Curtis. Mit anderen Worten, sie waren wahrscheinlich erst nach Malloves Tod dorthin gefallen.

Im Juni 2009 ließ Curtis dann Foster, Schaffers Freundin, zum Verhör vorladen. Er zeigte ihr den Schlüsselbund. „Das sind die Schlüssel von Chad“, sagte sie. Brittany, so erklärte sie, sei der Name eines Babys, das er mit einer früheren Freundin gehabt habe.

Als Curtis und ein Kollege Schaffer später befragten, blieb er bei einem Teil der Geschichte, die er sechs Jahre zuvor erzählt hatte. Er sei in Mystic gewesen, wiederholte er. Diesmal jedoch gab er Curtis eine ganz andere Version der Ereignisse zum Besten. Er sei am Nachmittag vor dem Mord an Mallove nach Norwich zurückgekehrt. Zuvor, so erzählte Schaffer den Beamten, hätte sein Cousin bemerkt, dass Mallove vor dem Mietshaus die Sachen der rausgeworfenen Mieter in den Müll geworfen hat. Er hätte Patricia Anderson angerufen, die daraufhin sofort ihren Sohn angerufen habe. „Ich sage dir schon seit Wochen, dass du rübergehen und deinen Mist aus dem Haus räumen sollst“, schimpfte sie mit Schaffer. „Du musst da rübergehen und dich darum kümmern und es in Ordnung bringen.“ Schaffer hätte seinen 30-jährigen Cousin, Mozzelle Brown, gebeten, ihm dabei zu helfen.

Gegenüber Curtis betonte Schaffer, dass er und Brown nur zu dem Haus gefahren seien, um seine Sachen abzuholen. Als die beiden ankamen, so Schaffer, habe Mallove sie als „einen Haufen Nigger“ bezeichnet. Curtis verschärfte seine Fragen, und Schaffer gab schließlich zu, Mallove einmal geschlagen zu haben, während Brown ihn schwer verprügelte habe. Schaffer sagte, sein Cousin habe die Beherrschung verloren und Mallove die Luftröhre zerquetscht, was letztlich zu seinem Tod geführt habe. Die beiden holten Foster von zu Hause ab – ein geplanter Schachzug, spekuliert Curtis, um sie zu einer Komplizin des Verbrechens zu machen, die dann nicht gegen die beiden hätte aussagen können – und kehrten dann zu dem Haus zurück, um das Fahrzeug von Mallove zu entwenden. Sie hatten darauf gehofft, die Tat als einen Raubüberfall inszenieren zu können.

Am 20. April 2012 bekannte sich Schaffer des Totschlags ersten Grades und der Beihilfe zum Raub dritten Grades schuldig und wurde zu einer Haftstrafe von 25 Jahren verurteilt. (Malloves Sohn Ethan bezeichnet dies als „eine wahnsinnig kurze Strafe in Anbetracht der schrecklichen Art und Weise, in der dieses Verbrechen begangen wurde“). Im Januar 2015 wurde Brown des Mordes und der Verschwörung zum Mord für schuldig befunden und zu 58 Jahren verurteilt. Foster, die bereits fast fünf Jahre im Gefängnis verbracht hatte, bekannte sich, während sie auf ihren Prozess wartete, der Behinderung der Strafverfolgung und der Manipulation von Beweismitteln schuldig. Sie wurde zu einer fünfjährigen Bewährungsstrafe verurteilt.


Heutzutage bezeichnet man die Kalte Fusion als Niederenergetische Kernreaktionen (LENR). Sie ringt weiterhin um ihre Akzeptanz – und sorgt in der Wissenschaft weiterhin für Aufregung. Im April (2016) geriet LENR in die Schlagzeilen, als der italienische Ingenieur Andrea Rossi eine Klage gegen Industrial Heat, ein Investitions- und Forschungsunternehmen, einreichte. Rossi, der Erfinder des Energy Catalysers oder kurz E-Cat, eines kleinen Gerätes, das Überschussenergie weit über seinen Verbrauch hinaus produziert, behauptet, Industrial Heat habe sich dazu bereit erklärt, ihm 100 Millionen Dollar zu zahlen – 11,5 Millionen davon waren bereits nach dem ersten 24-Stunden-Test fällig –, um einen geheimen Langzeittest seiner Technologie vorzunehmen. Das Unternehmen hat das Geld jedoch nie überwiesen. Rossi behauptete, Industrial Heat habe sein geistiges Eigentum gestohlen. Industrial Heat erklärte in einer Pressemitteilung, dass es „über drei Jahre lang versucht habe, die von Herrn Rossi behaupteten Ergebnisse der E-Cat-Technologie zu bestätigen – alles ohne Erfolg“.

Andere Entwicklungen auf diesem Gebiet verliefen nicht ganz so theatralisch. Im November 2014 besuchte Bill Gates das führende italienische Zentrum für LENR-Forschung, die italienische Nationale Agentur für neue Technologien, Energie und nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung, wo er über die neuesten Aktivitäten auf dem Gebiet der Kalten Fusion informiert wurde. Wie üblich wurde nach dem Treffen nichts Wesentliches bekannt gegeben. Ein Jahr zuvor, im September 2013, hatte das Energieministerium im Rahmen eines 10-Millionen-Dollar-Förderprojekts der Advanced Research Projects Agency-Energy zur Einreichung von Vorschlägen für LENR-Projekte aufgerufen. Bis heute wurde kein einziger Cent für ein derartiges Projekt ausgegeben.

Obwohl diese jüngsten Entwicklungen die Liste der historischen Misserfolge der LENR-Technologie eher zu verlängern scheinen, hätte Mallove sie sehr wohl auch als Gewinn für die Industrie werten können. Für ihn bestand der ultimative Erfolg für die Wissenschaftler darin, „die ewige Herausforderung der Wissenschaft zu beherzigen, nicht dem ausgetretenen Pfad zu folgen, sondern stattdessen dorthin zu gehen, wo es noch keinen Pfad gibt, und dabei eine Spur zu hinterlassen.“

Seine Arbeit wird fortgesetzt. Die Infinite Energy, das den finanziellen Sturm von 2008 im Gegensatz zu vielen anderen Publikationen überstanden hat, landet immer noch in den Briefkästen in 21 Ländern der Welt. Die New Energy Foundation finanziert relevante Forschungsprojekte und hat seit ihrer Gründung mehr als 1 Million Dollar an Spendengeldern erhalten.

Heute stehen auf dem Stück Land, auf dem einst Malloves Elternhaus am Salem Turnpike stand, nur noch Büsche und Bäume, denn vier Jahre nach seinem Tod wurde es abgerissen. Vor einem nahe gelegenen McDonald's fahren die Autos ein und aus.

Curtis kommt von Zeit zu Zeit immer noch an der Stelle vorbei, wo Mallove einst wohnte. Für ihn ist das Anwesen mehr als nur der Schauplatz eines aufgeklärten Mordes. Curtis fragt sich, wie Malloves Vermächtnis im Bereich der globalen Energie wohl ausgesehen hätte, wenn er nicht gestorben wäre. „Das werden wir nie erfahren”, sagt er.